Die Deutsch-Balten in Lettland und Estland

Die Volksgruppe der Deutsch-Balten, in der Beamtensprache auch als Deutschrussen bezeichnet, wanderten ab dem 12. Jahrhundert im Zuge der Ostsiedlung ins Baltikum und das Gebiet des heutigen Estland und Lettland aus. Diese Ostsiedlung wurde durch die mächtige Vereinigung des Schwertbrüderordens initiiert.

Die ins Baltikum eingewanderten Deutschen entstammten der deutschen Oberschicht und bildeten diese auch im Baltikum. Besiedelt wurden damals vorwiegend die städtischen Gebiete und viele Städte wurden von den Deutsch-Balten gegründet. Zu diesen Städten, die auch der Hanse beitraten, zählen beispielsweise die Städte Riga, Reval (Tallinn), Dünaburg (Daugavpils), Arensburg (Kuressaare), Dorpat (Tartu), Mitau (Jelgava) und Libau (Liepāja).

Die deutsche Minderheit in den Städten

Auch wenn die eingewanderte deutsche Bevölkerung mit einer Bevölkerungszahl von 10 % immer eine deutschsprachige Minderheit war, bildete sie in den Städten die größte Bevölkerungsgruppe, die zum gehobenen Bürgertum und zum gehobenen Adel gehörte und dadurch großen Einfluss auf alle politischen Entscheidungen besaß. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Deutsch-Balten eine sehr bedeutende Rolle in der russischen Geschichte spielten und zahlreiche Politiker und Generäle dieser Bevölkerungsgruppe entstammten.

Die deutschsprachige Oberschicht, die im Zuge der Reformation zum Großteil den lutherischen Glauben annahm, konnte trotz wechselnder Herrscher im Laufe der Jahrhunderte immer ihre Privilegien erhalten. Auch zu dem Zeitpunkt, als es im Zeitraum von 1772 bis 1795 zur polnischen Teilung kam und ganz Litauen zu Russland kam, konnte sich die deutschbaltische Ritterschaft den Großteil der Privilegien und Rechte erhalten.

Rückkehr nach Deutschland

Das Ende des 19. Jahrhunderts ließ das Nationalgefühl von Esten und Letten erwachen und damit auch die Gegenwehr gegen die deutschbaltische Oberschicht. Diese Gegenwehr drängte die Deutsch-Balten immer weiter in die Position der Minderheit. Viele verließen in einer ersten Emigrationswelle das Baltikum und kehrten zurück nach Deutschland.

Auch in den Städten verlor die deutschbaltische Gruppe ihre seit Jahrhunderten bestehende Bevölkerungsmehrheit und wurde durch den Zuzug der lettischen Landbevölkerung immer weiter zurückgedrängt. Auch während des Zweiten Weltkriegs entschärfte sich die Situation der Deutsch-Balten nicht und immer mehr Menschen dieser Volksgruppe wanderten ab. Heute lebt nur mehr eine geringe Anzahl an deutschsprachigen Menschen in den baltischen Ländern.

Die deutsch-baltische Bevölkerung heute

Trotzdem wird durch zahlreiche Vereinigungen und Vereine regelmäßig der lebendigen Geschichte von Deutsch-Balten und Letten gedacht und man versucht, alte Traditionen am Leben zu erhalten. Einen großen Anteil am Erhalt der Kultur bzw. der deutschen Sprache im Baltikum hat heute auch das Internet. Dadurch, dass man inzwischen weltweit Webradio online hören kann, haben auch die Deutsch-Balten die Möglichkeit, Ihre Sprache wieder lebendig zu erleben.

Auch das Miteinander und die gegenseitige Hilfe sind einigen Vereinigungen, wie dies beispielsweise von der Vereinigung Deutschbaltische Ärztegemeinschaft der Fall ist, ein großes Anliegen. Weitere Vereinigungen sind die Deutsch-Baltische Gesellschaft, im Internet zu finden unter www.deutschbalten.de, mit ihren zahlreichen Vereinen das Ziel haben, die Geschichte des Zusammenlebens der Bevölkerung des Baltikums genauso aufrechtzuerhalten wie die alten Traditionen. Das Domus Rigensis, das Deutschbaltisch-Lettische Zentrum, das sich der Pflege des gemeinsamen kulturellen Erbes der Stadt Riga verschrieben hat, leistet ebenfalls wertvolle Arbeit im Bereich der Pflege von Kultur und Tradition.