Stalins Politik im Baltikum

Zwei Machtpolitiker – die Sie zumindest namentlich kennen – und ein Zeitfenster: Josef Stalin und Adolf Hitler. Sie agierten zeitgleich in Zentraleuropa. Als Machtpolitiker war ihnen an der Erweiterung ihrer Einflusssphären gelegen. Dabei bedienten sie sich des ganzen Instrumentariums – vom Staatenvertrag über „Vier-Augen“ Geheimabkommen, bis hin zur kriegerischen Auseinandersetzung. Zu Spielbällen dieser Machtpolitik wurden schwächere Mächte; und besonders betroffen war das Baltikum, d. h. die heutigen EU-Mitgliedsstaaten Estland, Litauen und Lettland.

Ein Spielball der Nationen

Versetzen Sie sich bitte zurück in das Jahr 1939 und in die Rolle eines Deutschstämmigen aus dem Baltikum, z. B. aus Lettland. Am 23. August 1939 wurde der „Nichtangriffspakt“ zwischen Deutschland und Russland vereinbart, in dem auch die Einflussbereiche zwischen den beiden Großmächten klar abgegrenzt wurden. Was Sie nicht wussten: Lettland und Estland wurden als russische Interessensphäre deklariert. Sie persönlich registrierten den deutschen Angriff auf Polen und den russischen Einmarsch in Ostpolen im September 1939. Als Deutschstämmiger machten Sie wie die Majorität der Betroffenen im Baltikum von Hitlers Repatriierungsangebot Gebrauch, das es Ihnen ermöglichte, Ihr Vaterland zu verlassen und ins Reichsgebiet umzusiedeln.

Die von „langer Hand“ geplante Aktion gewinnt für Sie als nunmehriger Zuschauer Kontur, als Stalin am 17. Juni 1940 in Lettland einmarschiert. Und spätestens nach den von Stalin initiierten Neuwahlen wird Ihnen klar, dass die Einverleibung Lettlands in die Sowjetunion bevorsteht. Stalin hat mit der Annexion im Baltikum sein sowjetisches Westerweiterungsprogramm bereits im „Jahr 1“ des Zweiten Weltkriegs verwirklicht. Doch Hitler veränderte die Realitäten erneut und besetzte Lettland.

Zum Kriegsende 1944 bis 1945 holt sich Stalin das Baltikum zurück und verleibte es definitiv der Sowjetunion ein. Obwohl Stalin bereits 1953 verstarb, wirkte seine Politik im Baltikum noch Jahrzehnte nach. Erst die Perestroika und der Fall der Mauer veränderten die geografischen Positionen auf der Landkarte. Dafür sorgten zwei Millionen Menschen am 23. August 1989 mit ihrer „Baltischen Kette“. Von Tallinn über Riga nach Vilnius reichten sich baltische Staatsbürger die Hände, um ihrem Wunsch nach Unabhängigkeit Ausdruck zu geben.